Das erste Teleskop - Visuell und Fotografie?

Mal gucken ist ja ganz nett, aber eigentlich will ich Fotos!

Genau jetzt wird es richtig schwierig… Egal wo man sich auch umschaut, alle schreiben was von mindestens 8“ Öffnung, stabiler Montierung und wenn man sich in den Shops im Netz umschaut wird einem schwindelig. Nachdem sich dieses Schwindelgefühl verzogen hat, kommt man schnell zu den Superangeboten, 8“ Newton auf NEQ5 (EXOS-2, GP, …) für unter 700€, das ist doch genau das was man braucht um visuell zu beobachten und auch fotografieren zu können!? 

NEIN IST ES NICHT!

In meinem Einsteiger-Guide habe ich es ja bereits beschrieben:  Die Erde dreht sich in 24 Stunden einmal um die eigene Achse, d.h. alle 4 Minuten um 1°, also 15 Bogenminuten pro Zeitminute und damit dann auch 15 Bogensekunden pro Zeitsekunde. Damit ihr mal ein Gefühl für die Winkel bekommt: Ein 1cm breites Objekt aus einer Entfernung von ca. 75m betrachtet erscheint mit einer Ausdehnung von 15" (15 Bogensekunden). Mit einem Newton (8“ f/4)  mit 800mm Brennweite und meiner 600D komme ich auf einen Abbildungsmaßstab von 1,1"/Pixel und das entspricht in etwa der Erdrotation in 0,07s!

Ein 8“ Newton wiegt so um die 8kg, dazu kommen Rohrschellen, ein kleines Leitrohr, Autoguiderkamera und die Aufnahmekamera mit all ihren Kabeln. Bei der NEQ5 ist eine Tragfähigkeit/Instrumentenlast von 10kg angegeben, die damit bis auf das letzte Gramm ausgereizt ist. So weit so gut, aber wo ist das Problem?

Das Gewicht wäre vermutlich nicht einmal das Problem, denn selbst mit 12kg Instrumentenlast würde eine NEQ5 nicht zusammenbrechen, die Größe des Instruments ist eher das Problem. Mit fast einem Meter Tubuslänge und ca. 23cm Durchmesser werden ungünstige Hebelkräfte auf die Montierung übertragen. Zum einen ist der Spiegel sehr schwer und am gegenüberliegenden Ende des Tubus ist deutlich weniger Gewicht vorhanden, daher ist auch der Schwerpunkt eines Newtons meist nicht in der Tubusmitte und aufgrund des Durchmessers zudem recht weit von der Achse entfernt, zum anderen ist die Fläche des Newtons groß und anfällig für Wind. Wenn dann auch noch Schwingungen durch das Fokussieren, oder Bewegungen in der Nähe, die durch den Boden übertragen werden, dazu kommen, wird es schwierig ein ruhiges Bild zu bekommen, denn auch das Stativ einer NEQ5 ist für solche Hebelkräfte zu schwach, so dass die Schwingungen zu lange anhalten und nicht schnell genug „beruhigt“ werden können. Das Gleiche gilt auch für Korrekturimpulse der Motoren, auch diese verursachen immer auch eine kleine Schwingung die durch die Stabilität der Montierung absorbiert werden muss, kann die Montierung das nicht, kann auch der Autoguider nicht vernünftig arbeiten.

Um das noch einmal auf mein Zahlenspiel mit der Erdrotation zurückzuführen. Schwingt das Teleskop in 1/10 Sekunde weiter aus als 1/240 Grad sieht man das auf dem Foto bei einem Abbildungsmaßstab von 1,1“/Pixel! Selbst wenn es nur ein 1/60 Grad wäre, also 1 Bogenminute, nehmt auch mal ein Geodreieck und schaut nach, wie groß der Winkel von 1 Bogenminute (1‘) ist ………….. na gefunden?

Es geht also um eine gewisse mechanische Präzision, die mit steigender Instrumentenlast nicht nur stabiler, sondern meist wegen größerer Brennweiten auch feiner/präziser werden muss.

Gerade zu Anfang wenn man sich mit dem Aufbau der Montierung, dem Einnorden, dem Goto-Alignement, dem Fokussieren der Kameras, dem Autoguider usw. eh noch schwertut und die Sterne auf den Bildern dann auch noch „Eier“ sind, dann ist die Fehlersuche bei so einer Kombination super frustrierend und überfordert auch den ein oder anderen, warum also sollte man sich diesen Stress antun?

Ich habe Verständnis für jeden, der sich der Astrofotografie zum ersten Mal nähert und nicht gleich Unsummen investieren will, aber auch wenn es noch so verlockend aussieht und von den Händlern auch so beworben wird, ein 8“ Newton auf NEQ5/EXOS-2 u.ä. ist keine Allroundlösung an der man lange Spaß haben wird! Und wenn man dann auch noch 2-mal kaufen muss, war das vermeintliche Schnäppchen richtig teuer.

Aber was machen wenn man doch irgendwie unschlüssig ist ob man lieber visuell beobachten oder fotografieren will? Beides voneinander trennen, denn beides gleichzeitig geht eh nicht!

Wenn eine Kamera am Teleskop ist und über Stunden Photonen sammelt, steht ihr daneben und könnt nicht selbst durch das Teleskop schauen, bestenfalls haltet ihr euch nicht mal in der unmittelbaren Nähe auf um Schwingungen zu vermeiden. Schaut ihr selbst durch das Teleskop kann die Kamera keine Photonen sammeln, also entweder oder…

Für die visuelle Beobachtung benötigt man keine parallaktische Montierung und möglichst viel Öffnung, was für einen Dobson spricht (siehe oben) oder halt ein klassisches Fernglas! Für den günstigen Einstieg in die Fotografie würde ich bei vorh. Stativ und Kamera eine Star Adventurer empfehlen. Beides zusammen sollte gebraucht mit einem Budget von 600€ zu erstehen sein und sich je nachdem ob man dem Hobby länger treu bleibt oder nicht, auch bei einem Verkauf das investierte Geld wieder einbringen.

Wenn ihr direkt in die Fotografie einsteigen wollt und zunächst kein 2. Teleskop für die visuelle Beobachtung anstrebt, solltet ihr unbedingt meinen Einsteiger-Guide, Bilder mit nachgeführter Kamera bzw. Wahl der Montierung und auch Wahl des Teleskops lesen.

Wenn ihr aber schon zu denen gehört, die einen 8“ Newton auf einer der o.g. Montierungen gekauft habt, dann würde ich euch empfehlen eine Rockerbox für den Newton zu bauen (diesen also als Dobson nutzen). Anleitungen findet man im Netz zuhauf, einfach mal die Suchmaschine eures Vertrauens bemühen. Auf die Montierung würde ich dann zuerst einmal nur die Kamera mit einem „normalen“ Objektiv nutzen und mit Widefield-Aufnahmen anfangen. Wenn man dann die Brennweite nach und nach erhöhen will, wäre ein kleiner Newton mit 130mm eine günstige Möglichkeit, ein ED APO zwar deutlich teurer, aber ebenfalls eine Option.